Vom Höhlentier zum Roadkill:

Erik Tannhäusers Bildtafeln im Kontextder Ethik der Mensch-Tier Beziehung

Judith Benz-Schwarzburg (Messerli Forschungsinstitut, Abteilung Ethik der Mensch-TierBeziehung, Veterinärmedizinische Universität Wien, Universität Wien, MedizinischeUniversität Wien)

Das älteste bekannte Bild, das je ein Mensch von einem Tier anfertigte, ist die figürlicheDarstellung eines Schweins. Jemand malte, vor mindestens 45.500 Jahren, mehrerePustelschweine mit roten mineralischen Pigmenten auf die Wände der Karsthöhle LeangTedongnge auf Sulawesi, Indonesien (Brumm et al. 2021). Das am besten erhaltene Tier steht instatischer Position und stellt seine Borsten hoch: ist es auf Abwehr gebürstet? Wird es bedroht?Steht da jemand mit einem Speer? Andere Höhlenmalereien auf Sulawesi zeigen, dass die Malerder Schweinebilder die Tiere auch jagten. Tatsächlich hat sich diese „Ur-Szene“ der Mensch-TierBeziehung tief in die Geschichts- und Kunstgeschichtsschreibung eingegraben: Am Beginnstanden sich Jäger und Gejagtes gegenüber, dann ging die Jagd fließend in halbdomestizierteund schließlich domestizierte Nutztierhaltung über. Am Ende dieser Beziehung steht dieMassentierhaltung, gerade und besonders im Falle des Schweins, dem am intensivstengenutzten Säugetier der Welt. Wir züchten und schlachten weltweit jährlich 1.3 Milliarden vonihnen für unseren Fleischkonsum (Jang and Oh 2022, 1817-1818).

Der Philosoph Randy Malamud schreibt, “The consequence of most human-animal encountersis the expression of harm via pathways of power“ (Malamud (2016): 154). Vieles spricht dafür,dass er recht hat. Auch in der Kunst wurden Tiere Jahrhundertelang vor allem auf einen Statusals Betrachtungsobjekt oder Motiv reduziert und als Materiallieferant verstanden: auch heuteproduzieren wir Farbe aus ihrem Blut und Pinsel aus ihren Haaren, verarbeiten sie lebendigoder tot. Joseph Beuys1 bringt einen Coyoten in eine Galerie in New York und Damien Hurst2schmückt seine „Kaleidoscop“ Werke mit zigtausenden bunten Schmetterlingsflügeln, um nurzwei Beispiele aus der zeitgenössischen Kunst zu nennen). Das stellt uns vor eine Reihe vonFragen: Kann man es anders machen? Was kann die Kunst über das Mensch-Tier Verhältnisaussagen? Und wie kann sie das auf eine ethisch vertretbare Weise tun?

Vielleicht stand damals, vor 45.500 Jahren auf Sulawesi gar keiner mit einem Speer dem Tiergegenüber, sondern jemand mit Pinsel, der das Tier als Tier malen wollte? Vielleicht war dieserjemand sogar eine Sammlerin und gar keine Jägerin? Legen wir das vorherrschendeInterpretationsmuster mit seiner Jagdlogik, das immerhin auch Teil einer weitgehendpatriarchal geprägten Geschichts- und Kunstgeschichtsschreibung ist (s. hierzu auch Lust 2025),für einen Moment zur Seite und setzten wir an den Beginn der Mensch-Tier Beziehung einanderes Strickmuster, etwa eines, das gegenseitige Abhängigkeit, Bindung, Kooperation, undFürsorge betont.

Nichtmenschliche Tiere werden in der Tierethik inzwischen als Lebewesen betrachtet, die alsSubjekte eines jeweils eigenen Lebens (Regan 2008) gesehen werden sollten. Einerseits weil sieuns viel ähnlicher sind als lange gedacht: Elefanten Trauern um ihre Verstorbenen (Pool 1998,Douglas-Hamilton et al. 2006), Schimpansen helfen Artgenossen uneigennützig (Warneken & Tomasello 2006), Hunde haben etwas dagegen, wenn man sie unfair behandelt (Range et al.2009), und Ratten verfügen über Empathie (Ben Ami Bartal, et al. 2011). Andererseits undgleichzeitig sind die Tiere ein Eigenes und Anderes. Beidem, der Ähnlichkeit und derAndersheit, werden wir oft nicht gerecht. Wir teilen Lebensräume, gestehen den Tieren darinaber etwa kaum Platz und Autonomie zu. Wo früher Amphibien und Fische lebten, sindGewässer heute stillgelegt, wo Wiesen und Wälder wuchsen, ist der Boden versiegelt. WoNester, Baue, und Höhlen waren sind heute Straßen, Wohngebiete und Parkplätze. Geschätzte194 Millionen Vögel und 29 Millionen Säugetiere sterben jedes Jahr auf Europas Straßen als„Roadkill“ (Grilo et al. 2020).

Was kann der Künstler da tun? Er kann losgehen und sammeln (nicht jagen). Er trägt, was vonanderen verletzt wurde, zusammen, legt es auf ein Bett an Gräsern und Blättern auf eine Platte,begießt es mit Wasser, hält die Spuren fest. Das Ergebnis sieht fast aus wie eineHöhlenzeichnung. Rost, das ultimative Zeichen von Zeit, schreibt das Ergebnis fest, stellt einerot-braune Verbindungslinie her zwischen den mineralischen Farben von damals und demoxidierten Abdruck von heute.Thema der Bilder sowie die Methode des Malens von Erik Tannhäuser sind eine Referenz auf dieAuseinandersetzung der Kunst mit dem Tier. Wo andere töten, ausstopfen, Körperfragmentieren, wird nicht getötet – um dennoch das Sterben zu zeigen. Die Tiere verschwindenauf dem entstandenen Bild im Gebüsch (wo genau in diesem Buchenblätterhaufen am Rand desWeizenfeldes verstecken sich eigentlich Taube, Igel und Maus?). Der Fasan wirkt mitausgebreiteten Flügeln wahlweise wie im Flug – oder zu Boden gefallen und im Sedimentkonserviert. Wie ein versteinerter Archäopteryx3, der noch einmal 150 Millionen Jahre älter istals das Sulawesi Schwein, aber ebenfalls ein Abdruck längst vergangener Natur, lange bevor wirder Natur unsere Kultur übergestülpt haben. Ein Eichhörnchen liegt auf der Platte, genauso totvorgefunden wie die anderen abgebildeten Tiere und wirkt doch in Bewegung, ein zweitesspringt links unten aus dem Bild heraus. Passanten zwischen Kultur und Natur, wie so vieleWildtiere, die die Philosophie als „liminal animals“ bezeichnet (Donaldson & Kymlicka 2011).Und so wird das Bild mit den Roadkill Tieren zu einem Versuch, den Impact des Menschen aufdie Natur und gleichzeitig den Anspruch des getöteten Lebewesens auf sein Lebendig-seinfestzuhalten.

Wir sitzen in Eriks Atelier, sein Hund Barny (Rescue Animal, gezeichnet von den Spurenschlechter Mensch-Tier Beziehung) frisst unser Frühstückskipferl. Draußen steht die Tafel undhält den Fuchs für die Ewigkeit fest, dessen lebendige Cousins Erik in seinem Garten schätzt – imGegensatz zu vielen anderen Stadtmenschen, die mit Wildtieren zunehmend in Konfliktegeraten: Waschbären räumen unsere Mülltonnen aus, Wildschweine graben unsere Vorgärtenum, wir wehren uns mit Giftködern und hostile Architecture4, mit Spikes & Netzen. Wir redenüber Kunst, und warum sie politisch sein sollte, darüber, warum manches, was wir Menschenantun, dieselbe Logik hat, wie das, was wir Tieren antun, über Menschenrechte undTierrechte.

>Ben Ami Bartal, I. B.-A, Decety, J., Mason, P. (2011). Empathy and Pro-Social Behavior in Rats.Science 334 (6061), 1427-1430. | Brumm, A. et al. (2021). Oldest cave art found in Sulawesi. Science Advances 7 (3), eabd4648. DOI:10.1126/sciadv.abd4648. | Donaldson, S., & Kymlicka, W. (2011). Zoopolis: A political theory of animal rights. OxfordUniversity Press. | Douglas-Hamilton, I. et al. (2006). Behavioural Reactions of Elephants Towards a Dying andDeceased Matriarch. Applied Animal Behaviour Science, 100, 87–102. | Grilo, C., et al. (2020). Roadkill risk and population vulnerability in European birds andmammals. Frontiers in Ecology and the Environment 18, 323–328. | Jang, J. C., & Oh, S. H. (2022). Management factors affecting gestating sows‘ welfare in grouphousing systems. Animal Bioscience, 35 (12), 1817–1826. | Lust. U. (2025). Die Frau als Mensch: Am Anfang der Geschichte. Reprodukt Verlag. | Malamud, R. (2016). Looking at Humans, Looking at Animals. In: Núria Almiron / Matthew Cole /Carrie P. Freeman (Hrsg.): Critical Animal and Media Studies. Communication for NonhumanAnimal Advocacy. New York / London: Routledge, S. 154. | Poole, J. (1998). An Exploration of a Commonality Between Ourselves and Elephants. Etica &Animali, 9 (Special Issue on Nonhuman Personhood), 85–110. | Range, F. et al. (2009). The absence of reward induces inequity aversion in dogs. Proceedings ofthe National Academy of Sciences of the United States of America, 106 (1), 340–345. | Regan, T. (2008). Wie man Tierrechte begründet. In: Ursula Wolf (Hg.): Texte zur Tierethik, aus d.Engl. v. Tarja Prüß. Stuttgart: Reclam 2008, S. 33–39. (Aus Regan’s Engl. Originalwerk “The Casefor Animal Rights”, Berkeley / Los Angeles: University of California Press 2004, Erstaufl. v. 1983). | Warneken, F. & Tomasello, M. (2006). Altruistic helping in human infants and youngchimpanzees. Science 311 (5765), 1301-1303.

DAS TIER. UND WIR / ANIMALITY

Eine Gruppenaustellung kuratiert von Michael Kos mit Werken von Erik Tannhäuser

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Ein Ort des Sichtens, des Sehens, des Durchdenkens und Fragenstellens: Nicht unbedingt danach, was die Welt im Inneren zusammenhält.

Was braucht die Welt, damit sie nicht völlig auseinander fällt?

Der Eintritt in den Skulpturengarten ist ein Austritt aus der Welt des Sehens zur Orientierung. Hier ist Sehen, Erfahrung, Erleben und im besten Falle nimmt man dieses mit hinaus. 


Hier haben Humus und Detritus der Bildnerei ihr Zuhause, um wieder in der Skulpturengärtnerei zu landen. Denen kann man hier begegnen, in sich kehren und sich selbst begegnen. Denn schöpfen tun wir vor allem aus uns selbst. Audioguides gibt es nicht.

 

Neben unserem Standort am St. Veither Tor in Wien zeigen wir Werke an gegensätzlichen Orten. Wir machen Menschen in Naturschutzgebieten auf die Bedeutung dieser Orte aufmerksam und zeigen Arbeiten in urbanen Räumen gänzlich ohne Natur.

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